Des Vergessens Zwischenzeit

Jene Stunde, in welcher Erinnerung ihren Halt verliert, kündigt sich nur selten laut an. Kaum merklich entgleitet des Gewesenen Nähe, während das eben noch Vertraute sich dem Zugriff entzieht. Was eben noch geordnet schien, verweht im fortschreitenden Augenblick und lässt den Menschen an der Schwelle eines inneren Verstummens zurück.

Nicht jedes Vergessen ist Verlust im groben Sinne. Manches sinkt aus des Verstandes Händen, weil die Zeit es aus der Festigkeit der Bedeutung löst. Des Gedächtnisses Sand verrinnt nicht willkürlich, sondern folgt jener Bewegung, in welcher das Leben selbst sich dem Festhalten entzieht. So wandelt sich das Erinnerte, ehe es verschwindet.

Wo Sinn nicht mehr gesichert erscheint, regt sich eine andere Form der Einkehr. Nicht das Wiederherstellen des Alten führt hier weiter, sondern das Aushalten jener Leere, in welcher das Fehlende nachklingt, ohne zurückzukehren. Der Mensch begegnet sich darin nicht als Herr seiner inneren Ordnung, sondern als Zeuge ihres Verrinnens.

Gerade in dieser Zwischenzeit, fern der gewohnten Sicherheit, berührt ihn die Frage, was bleibt, wenn Inhalte schwinden. Weder alles Gewusste noch alles Benannte vermag Antwort zu geben. Doch im langsamen Sinken der Bilder, Namen und Gewissheiten öffnet sich ein Raum, in welchem das Wesentliche nicht erinnert werden muss, um gegenwärtig zu sein.

Des Vergessens Ruhe trägt bisweilen weiter als des Erinnerns Zwang.

Und Zeit schreibt ihre Wahrheit in den verwehenden Sand.

Motiv F – Erinnerung / Vergessen

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